HomeGeschichte

Er ist der jüngste Sproß der großen Schnauzer- und Pinscherfamilie, und die Frage ist berechtigt, ob er seiner Herkunft nach überhaupt dieser Gruppe zuzuzählen ist. Äußerliche Ähnlichkeiten brauchen nicht unbedingt auf enge Verwandtschaft hinzuweisen. Der Verwandtschaftsgrad zwischen einem Riesenschnauzer und einem Zwergschnauzer ist vermutlich nicht größer als zwischen einem Pudel und einem Schnauzer. Doch dürfte es müßig sein, hier weiter zu bohren, alle Nachforschungen enden um 1860 herum im großen Sammelsurium der rasselosen Bauern- und Fuhrmanns-Hunde.

Heute ist der Riesenschnauzer das vergrößerte Abbild des Mittelschnauzers, wie andererseits der Zwergschnauzer dessen verkleinertes Abbild ist.

Weder Strebel noch Beckmann erwähnen in ihren Schriften den Riesenschnauzer. Die Ristmaße, die Strebel für den Schnauzer angibt, schwanken zwischen 37,8 und 50,0 cm, von Riesenwuchs also keine Spur.

Dr. E. Harms, der den Werdegang des Riesenschnauzers weitgehend selber miterlebt hat, gab 1935 einen ersten Überblick aus seiner Sicht. Diese Schrift ging während des Krieges restlos verloren. Später, 1949, hat Harms nochmals versucht, die Geschichte des Riesenschnauzers zu rekonstruieren, aber er gesteht selber, daß ihm alle Notizen über das Zuchtgeschehen abhanden gekommen seien, »alles ging verloren, nur die Liebe zum Schnauzer nicht«, sagt er.

Wie weit nun seine Aufzeichnungen haargenau den Tatsachen entsprechen, muß unter diesen Umständen eine offene Frage bleiben; nach fünfzig Jahren erscheint uns manches in einem anderen Lichte als damals, als es noch Gegenwart war. Doch er ist der Einzige, der uns aus eigenem Erleben berichten kann. Folgen wir also seinen Aufzeichnungen:

oben

Den ersten Hinweis auf einen riesenschnauzerähnlichen Hund finden wir auf einem Gemälde, das 1850 entstanden ist und die bayrische Prinzessin Elisabeth (die spätere Kaiserin »Sissi« von Österreich) darstellt. Zu Füßen der Prinzessin liegt ein großer, rauhhaariger, schwarzrötlicher Hund, offenbar ein sogenannter »Münchener Schnauzer«.

Dann erinnert sich Harms an die Worte eines alten Züchters aus Bayern, der ihm sagte, seinerzeit hätten ungarische Hirten, die Vieh nach Süddeutschland trieben, große schwarze, strupphaarige Hunde mitgebracht und ab und zu einen solchen einem bayrischen Bauern verkauft. Ob daraus ein Zusammenhang osteuropäischer Hirtenhunde mit dem Riesenschnauzer abgeleitet werden darf, ist zweifelhaft. Die alten Bezeichnungen »Russenschnauzer« oder »Bärenschnauzer« müssen keineswegs ein Hinweis auf eine Herkunft aus dem Osten sein. Fest steht vorerst einzig, daß der Vorläufer des Riesenschnauzers ein alter Landschlag des Bauernhundes in Oberbayern war, ein Treibhund und Wachhund, mehr langgestreckt als quadratisch gebaut, rauhhaarig oder zotthaarig und bärtig und mehrheitlich von dunkler Färbung. Das ist alles, was mit Sicherheit gesagt werden kann.

1907 entstand in München der »Bayrische Schnauzer-Klub«, der sich nun des »Münchener« oder »Bierschnauzers« annahm, der Name »Riesenschnauzer« taucht erst später auf.

Der Hund soll damals rund um München recht zahlreich gewesen sein. Er war unter anderem auch der Begleiter der Brauereiwagen, die er zu bewachen hatte, daher vielleicht der Name »Bierschnauzer«.

oben

Das Zuchtbuch des Klubs jedoch sprach vom »Münchener Schnauzer«, später dann auch vom »Großen Münchener Schnauzer«. Gezüchtet wurde der Hund vor allem von Bauern, es gab aber auch bereits eigentliche Zwinger; so soll z.B. ein Züchter namens Steinhuber im Jahre 1898 neun schwarze »Russische Schnauzer« besessen haben, und einmal standen sogar 45 Junghunde in seinem Zwinger.

Doch auf Ausstellungen hatte er mit seinen Hunden Pech. Als er seine Hündin »Fedora« in Regensburg ausstellte, fertigte ihn der Richter mit den Worten ab: »Es gibt keine russischen Schnauzer, Hunde von dieser Größe sind keine Schnauzer«.

Einer größeren Verbreitung des großen Schnauzers stand auch die Mentalität der damaligen Züchter entgegen, die selten oder nie Junghündinnen an andere Züchter abgaben, sie wollten sich eine Monopolstellung schaffen. So gab z.B. der bekannte Riesenschnauzer-Züchter K. Kluftinger in München noch 1919 seinen berühmten Rüden »Bazi v. Wetterstein« auch um viel Geld nicht zum Decken einer fremden Hündin frei - eine Einstellung, die auch heute noch nicht überall überwunden ist!

Als Geburtsjahr des eigentlichen Riesenschnauzers bezeichnet Dr. Harms das Jahr 1910. Damals wurden sechs Rüden und drei Hündinnen des »Münchener Schnauzers« ins Zuchtbuch des Pinscher-Schnauzer Klubs eingetragen. Vier Hunde waren pfeffersalz, drei schwarz, einer braungelb und einer graugelb. Ein Jahr zuvor waren zu einer Ausstellung in München 23 »Münchener Schnauzer« erschienen. »Es war ein Durcheinander von Typen, Farben, Haarvarietäten und Größen«, schrieb J. Berta in seinem Richterbericht.

Dr. Harms meint freilich, daß die Mehrzahl dieser Hunde gar keine echten Schnauzer waren, die Besitzer hatten sie ausgestellt, weil sie ihre Hunde für gute Riesen hielten. Es waren jedoch, wie Harms sagt, »Gelegenheitsprodukte ohne Ziel und Typ«.

Aus diesem »Urbrei«, wie Harms die vorhandenen Hunde nennt, stachen in der Folge zwei Rüden besonders hervor: Der schwarze »Bitru v. Sendling« und später dann der ebenfalls schwarze »Bazi v. Wetterstein«. Man setzte jetzt ein klares Zuchtziel und eliminierte die »kuhhessigen Pseudo-Riesenschnauzer mit Schäferhundtyp, mit schauderhaftem Zottelhaar und scheußlichen Farben«.

Eine Mindest- und eine Maximalgröße wurden freilich nicht festgelegt, es gab Rüden von 55 cm, aber auch solche von 76 cm Schulterhöhe. Vater des ersten eingetragenen Wurfes war der dunkelwolfsfarbige Rüde »Roland-Rolandsheim«, ein Rüde unbekannter Abstammung mit nur 55 cm Schulterhöhe. Er galt damals als das Ideal des Riesenschnauzers. Entsprechend seiner Herkunft vererbte er aber alles Mögliche - ab und zu auch einen guten Riesenschnauzer - doch die Züchter verzichteten bald darauf, ihn als Deckrüden für ihre Hündinnen einzusetzen.

oben

Im Deutschen Hundestammbuch D.H.S.B. wurden 1910 unter der Bezeichnung »Russische Schnauzer« 9 »Münchener Schnauzer« eingetragen, 1913 kamen noch weitere 8 dazu, 1916 nochmals 16, in sechs Jahren also nur 33 Hunde, die zum größten Teil den alten Landschlag repräsentierten.

Der eben erwähnte erste, eingetragene Wurf wurde vom Züchter Pankok in Düsseldorf, Inhaber des Zwingers »vom Rolandsheim« gezüchtet; der zweite, im selben Jahre von Beitler gezüchtet, im Zwinger »von Taufkirchen« in München.

Die Unsicherheit der Nachkriegsjahre erhöhte die Nachfrage nach furchteinflößenden Schutzhunden, das Geschäft mit dem Riesenschnauzer begann zu blühen.

Man scheute sich sogar nicht, gute Riesenschnauzer bei einem Züchter zu stehlen, so wurden z.B. bei Dr. Calaminus zwei sehr schöne, acht Monate alte Junghunde aus dem Garten gestohlen und offenbar weiterverkauft, »weil die Riesenschnauzer damals sehr teuer waren«, wie der Züchter Bosch in Berlin 1935 an Dr. Harms schrieb.

Es wurde wild drauflos gezüchtet. Dr. Harms schildert uns die damalige Situation sehr anschaulich:

»So wurde drauflos gezüchtet, ohne sich an die bisher bewährten und auch befolgten Zuchtregeln zu halten. Nicht der passende und willensstarke Deckrüde wurde benutzt, sondern der billigste oder nächstbeste. Hinzu kamen auch noch die bei jeder anscheinend guten Absatzlage plötzlich auftretenden sogenannten Auch-züchter, die unsportlich und nur des Geldes wegen dann auch züchteten. Kurz, es kam zu einer Zucht nur auf Masse der Welpen. Die Hündin wurde nicht erst bei der zweiten oder dritten Hitze belegt, sondern schon bei der ersten; es wurden ihr nicht höchstens 6 Welpen belassen, sondern alle, möglichst 10 und diese Welpen wurden nicht 8 Wochen bei der Mutter behalten, sondern nur 5 Wochen, da man sie schon in diesem Alter reißend los wurde. Eine derartige Massenzucht bedeutet ja den Niedergang jeder Rasse in körperlicher und geistiger Beziehung. Selbst die best fundierten Rassen gebrauchen nach einer derartigen Notzeit, die ja auch noch mit Futternot verbunden ist, Jahre, um diesen Schaden durch die guten Wesenshunde ihrer alten, bewährten Sportzüchter wieder zu beheben«.

oben

Der Riese überwand jedoch auch diese Notzeit. Als der »Boom« verebbte, verschwanden die Profitzüchter, und die alten bewährten Züchter besannen sich auf die guten alten Hunde der Kriegszeit.

Allen voran war es der Züchter Franz Schips in Mannheim, der in der Nachkriegszeit seinen Zwinger »v.d. Glücksburg« aufbaute. Mit einer strohgelben Hündin »Hexe« von unbekannter Abstammung, einer Mittelschnauzer-Hündin aus dem Zwinger »v. Egelsee« und einem Rüden aus der Zucht des Dr. Calaminus begann er seine Zucht und stellte schon 1925 mit seiner »Butzi v.d. Glücksburg« den Jahressieger.

Neben Schips sind aus dieser Zeit zu nennen: Zwinger »v. Heuhof« (Schuhmaier. München), Zwinger »v.Glonntal« (Hochschwimmer, Glonn in Oberbayern), Zwinger »v.Wertachhof« (Kühnlein, Augsburg), Zwinger »v.Fuchspark-Potz-haus« (Kaltenhäuser, Solingen), Zwinger »v.d.Kurpfalz« (Kreuzberger, Mutter-stadt), Zwinger »v.Salchern« (Sandritter, Mannheim), Zwinger »v.Linnefant« (Rossow, Spandau), Zwinger »v. Stoltzenburg« (Neuenfeld, Zielenzig).

1926 erwarb Dr. Harms von Bosch die schwarze Zuchthündin »Russi 33 a«, mit ihr kamen die Riesen erstmals nach Mecklenburg. Nach Schleswig-Holstein kamen die ersten Riesen in der Mitte der dreißiger Jahre; 1930 finden wir die ersten in Ostpreußen, 1934 den ersten in Pommern.

Die Rasse war bekannt geworden und begann sich auch über die Grenzen Deutschlands hinaus zu verbreiten.

oben

Der Zweite Weltkrieg schlug dann allerdings wieder gewaltige Lücken in den

Bestand der Hunde und die Schar der Züchter. Viele gute Hunde gingen als Kriegshunde verloren.

Mancher Züchter mußte nach dem Kriege wieder ganz von vorne anfangen, doch es ging vorwärts, und schon 1949 erschienen z.B. zur Ostzonensieger- Ausstellung in Leipzig 59 schwarze Riesen.

Heute hat der Riesenschnauzer in seinem Heimatland alle andern Schnauzer- und Pinscherrassen zahlenmäßig überholt, das beweisen die Eintragungsziffern. So wurden beispielsweise im Jahre 1984 ins Zuchtbuch des PKS eingetragen:

    Riesenschnauzer schwarz 1 601 Welpen

    Riesenschnauzer pfeffer/salz 89 Welpen

            Total 1 690 Welpen

Seit 1999 ist der Rassestandard der Riesenschnauzer im Einklang mit dem Tierschutzgesetz abgeändert worden. Es darf weder Ohr noch Rute kopiert (beschnitten) werden.

Wie bei allen Einschnitten in das Zuchtgeschehen sind auch durch diese Änderung erfahrene Züchter verunsichert, haben sich zurückgezogen oder leider ganz aufgehört unser Hunderasse zu züchten

zurück
oben